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Nachhaltigkeit im Wirtschaftsunterricht

Wie das anhaltende Engagement vieler Jugendlicher für die Bewegung „Fridays for Future“ zeigt, sind Schülerinnen und Schüler am Themenfeld „Nachhaltigkeit“ sehr interessiert. Bei Fridays for Future steht der Klimaschutz im Vordergrund, der auch für die Adressierung von Nachhaltigkeit im Wirtschaftsunterricht eine wesentliche Säule darstellt. Der Begriff Nachhaltige Entwicklung wurde verstärkt durch den 1987 veröffentlichten Brundtland-Bericht verbreitet. Im Kern geht es gemäß der sogenannten Brundtland-Definition darum, die gegenwärtigen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dabei das Risiko einzugehen, dass zukünftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht mehr erfüllen können. Die Tübinger Wirtschaftswissenschaftlerin und -didaktikerin Taiga Brahm gibt einen Überblick der Anknüpfungspunkte im Unterricht.

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Nachhaltigkeit ist aus gesellschaftlicher Sicht für viele Menschen und Institutionen relevant:

  • Für Konsumenten beispielsweise im Rahmen der eigenen Konsumentscheidungen (Reiseplanung, Lebensmitteleinkäufe etc.).
  • Für Städte und Gemeinden im Hinblick auf die Verkehrssituation, den Wohnungsbau, die Stadtplanung uvm.
  • Für Unternehmen, welche sich zunehmend in der Verantwortung sehen, die Ziele der nachhaltigen Entwicklung umzusetzen.

In der Regel werden drei Zieldimensionen (oder auch drei Säulen der Nachhaltigkeit) unterschieden: soziale Ziele, ökologische Ziele und ökonomische Ziele.

§-Säulenmodell der Nachhaltigkeit Dieser Ansatz wird auch als „triple bottom line“ bezeichnet und spielt beispielsweise in der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen eine Rolle. Im Unterrichtsmaterial „Traum oder Albtraum: Kreuzfahrten im Nachhaltigkeits-Check” sollen die Schülerinnen und Schüler das Geschäftsmodell Kreuzfahrt mit Hilfe der drei Säulen der Nachhaltigkeit analysieren.

Auch die Kultusministerkonferenz befördert die Ziele für nachhaltige Entwicklung im Schulbereich mithilfe des sogenannten Orientierungsrahmens für den Lernbereich Globale Entwicklung. Dieser greift auf die „Sustainable Development Goals“ der Vereinten Nationen zurück. Diese 17 Ziele der Nachhaltigen Entwicklung wurden im September 2015 verabschiedet. Sie sind Teil der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung und sprechen sowohl Unternehmen, als auch Bildungsinstitutionen und Einzelpersonen an. Sie sollen bis zum Jahr 2030 implementiert sein. Für den Wirtschaftsunterricht sind u.a. die folgenden Ziele besonders bedeutsam:

  • Inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten des lebenslangen Lernens für alle fördern (Ziel 4)
  • Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen erreichen (Ziel 5)
  • Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern (Ziel 8)
  • Eine belastbare Infrastruktur aufbauen, inklusive und nachhaltige Industrialisierung fördern und Innovationen unterstützen (Ziel 9)
  • Für nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sorgen (Ziel 12)
  • Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen (Ziel 13).

In diesem Sinne sind die Ziele auch im Orientierungsrahmen der Kultusministerkonferenz zu finden.

Um Nachhaltigkeit im Wirtschaftsunterricht zu verankern, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Dabei können die unterschiedlichen Rollen, die Schülerinnen und Schüler zukünftig einnehmen, berücksichtigt werden. Bei der Rolle der Verbraucherin / des Verbrauchers kann die Nachhaltigkeit bei Konsumentscheidungen umfassend diskutiert werden. Mit Blick auf die Rolle der Berufswählerin / des Berufswählers können Wertefragen in den Blick genommen werden. Auch dadurch wird Nachhaltigkeit zum Thema im Unterricht. Letztlich können mit der Rolle der Wirtschaftsbürgerin / des Wirtschaftsbürgers aktuelle politische Fragen rund um Nachhaltigkeit diskutiert werden.

Für jede Rolle wird im Folgenden ein kurzes Beispiel-Szenario für den Wirtschaftsunterricht skizziert.

Nachhaltigkeit bei Konsumentscheidungen
Am Beispiel der letzten Urlaube der Schülerinnen und Schüler kann die Frage der Nachhaltigkeit von Urlaubsreisen im Unterricht thematisiert werden. Relevant sind dabei verschiedene Faktoren: der CO2-Verbrauch von verschiedenen Verkehrsmitteln (Kreuzfahrtschiff, Flugzeug, Zug, Auto oder Fahrrad), die Unterbringung am Urlaubsort (Zelt, VW-Bus, Wohnmobil, Hotel, Ferienwohnung, …). Auch die eigene Versorgung kann thematisiert werden. Es sind weitere Beispiele für Konsumentscheidungen denkbar wie der Kleiderkauf, die Wahl des Verkehrsmittels für die Fahrt zur Schule, der Handy-Kauf. Mithilfe des Kriteriums der Suffizienz soll sensibilisiert werden, dass ein Mehr an Konsum nicht unweigerlich zu mehr Lebensglück führt. Im Zusammenhang mit den Konsumentscheidungen können Schülerinnen und Schüler auch motiviert werden, einen Beitrag zu nachhaltigerem Konsum an ihren Schulen zu leisten, z. B. durch nachhaltige(re) Produkte beim nächsten Pausenverkauf oder weniger Wegwerfartikel beim nächsten Weihnachtsmarkt. Auch im Rahmen von verschiedenen Schülerfirmen oder Schülergenossenschaften wird das Kriterium der Nachhaltigkeit inzwischen verstärkt thematisiert.

Nachhaltigkeit als Aspekt bei der Berufs- (und Studien-)Orientierung
Auf den ersten Blick wirkt es nicht unbedingt naheliegend, die Frage der Nachhaltigkeit von Unternehmen auch im Unterricht zur Berufsorientierung zu berücksichtigen. Damit ein Beruf und ein dazugehöriges Unternehmen aber gut zu dem Jugendlichen passt, ist es auch notwendig, dass die grundlegenden Überzeugungen und Werte von Unternehmen zu den zukünftigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern passen. Damit Schülerinnen und Schüler einen zu ihren Stärken und Werten passenden Beruf finden, ist es sinnvoll, neben der ökonomischen Nachhaltigkeit auch soziale und ökologische Aspekte in die Diskussion um zukünftige Berufsmöglichkeiten aufzunehmen. In diesem Zusammenhang kann auch im Rahmen der Entrepreneurship Education dazu beigetragen werden, dass Jugendliche die Möglichkeiten der Unternehmensgründung wahrnehmen und dabei die Prinzipien nachhaltiger Entwicklung berücksichtigen.

Nachhaltigkeit bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen
Auch bei (wirtschafts-)politischen Fragen findet die Frage der Nachhaltigkeit verstärkt Eingang. In diesem Bereich geht es einerseits darum, dass Jugendliche differenziert politische Diskussionen bewerten, ihre eigene Meinung dazu bilden und diese mit Argumenten belegen können. Dabei findet die Frage der Nachhaltigkeit Eingang in verschiedene wirtschaftspolitische Fragestellungen: Die ökologische Nachhaltigkeit wird beispielsweise bei der Frage des Braunkohleabbaus, der Gestaltung einer CO2-Steuer oder des Emissionshandels behandelt. Soziale Nachhaltigkeit spielt u.a. eine große Rolle bei der Weiterentwicklung von Unternehmensstandorten, der Ausgestaltung von Tarifverträgen oder Beteiligungsprozessen bei Veränderungen im Unternehmen.

Fazit
Nachhaltigkeit ist ein Zukunftsthema, das im Wirtschaftsunterricht sehr gut verankert werden kann und an Schulen auch bereits vielfältig aufgegriffen wird. So hat die Schülergenossenschaft „Früchtebecher“ am Carlo-Schmid-Gymnasium in Tübingen ihre Strategie komplett auf die drei Säulen der Nachhaltigkeit umgestellt, indem nun hauptsächlich regionales Obst von einem ortsansässigen Bio-Bauernhof verwendet, die Verpackung schulintern auf Pfandsysteme und zur Belieferung der Unternehmen vor Ort auf Transporträder umgestellt wurde.

Um diese Thematisierung zu ermöglichen, ist es sinnvoll, Nachhaltigkeit auch in der Ausbildung der Wirtschaftslehrpersonen zu berücksichtigen, wie dies beispielsweise durch den Bildungsplan 2016 in Baden-Württemberg impliziert wird, in dem Nachhaltige Entwicklung als Leitperspektive enthalten ist. Dies reicht von der Berücksichtigung der drei Säulen der Nachhaltigkeit in der Grundlagenausbildung, über Themen wie Nachhaltigkeits¬berichterstattung im Rechnungswesen bis hin zur Social Entrepreneurship in der ökonomischen Bildung.

Weiterführende Quellen:
Herzig, C. & Pianowski, M. (2013). Betriebliche Nachhaltigkeitsberichterstattung. In Baumast, A., & Pape, J. (Hrsg). Betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement. Stuttgart: Ulmer, S. 335-359. Kanning, H. (2013). Nachhaltige Entwicklung – Die gesellschaftliche Herausforderung im 21. Jahrhundert. In Baumast, A., & Pape, J. (Hrsg). Betriebliches Nachhaltigkeitsmanagement. Stuttgart: Ulmer, S. 21-43.

Steckbrief
Taiga Brahm ist Professorin für Ökonomische Bildung und Wirtschaftsdidaktik. Sie ist verantwortlich für die Ausbildung der Wirtschaftslehrpersonen (B.Ed. und M.Ed.) an der Universität Tübingen. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich u.a. damit, wie Nachhaltigkeit in den Unterricht und in die Hochschullehre eingebettet werden kann.

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