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Von Systemen, Spielen und Simulationen im Fach Wirtschaft

Spielen ist so alt wie die Menschheit. Dabei hatte Spielen immer eine besondere Funktion: Lernen. Die Spiele haben sich über die Jahrhunderte ständig verändert. Sie wurden immer komplexer und das digitale Zeitalter eröffnet dabei zahlreiche neue Möglichkeiten, den Lernprozess zu unterstützen – wie Medienpädagoge und Wirtschaftslehrer Julian Ruckdäschel in Anknüpfung an das Material des Monats aufzeigt.

Das 4K-Modell

Zeitgemäße Bildung erfordert viele Kompetenzen, die für einige Schulen neu sind, aber durchaus bei vielen Lehrkräften schon umgesetzt werden. Man denke dabei an das 4K-Modell, das Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und Kritisches Denken einschließt. Diese Kompetenzen müssen jedoch auch im digitalen Zeitalter neu gedacht werden. So unterscheidet sich z. B. die Kommunikation über WhatsApp wesentlich zu einem persönlichen Gespräch. Sie findet u. a. asynchron (zeitlich versetzt) statt und ist an keinen Ort gebunden. Zudem können Emotionen und Gefühle nur sehr schwierig vermittelt werden und es entstehen häufiger Missverständnisse.

Diese Kompetenzen werden erstaunlich oft in Spielen widergespiegelt – hier könnte Fortnite als Beispiel genannt werden: Auf der einen Seite ist es ein gewalttätiger Egoshooter, in dem man dann gewinnt, wenn man alle Gegner eliminiert hat. Auf der anderen Seite bietet es aber auch einen Kompetenzgewinn für Spielende. Es können nicht nur Rätsel geknackt werden (Kreativität), sondern vor allem ist es bei Jugendlichen ein sozialer Raum, in dem sie sich treffen und miteinander „abhängen können“ (Kommunikation und Kollaboration). Kinder und Jugendliche lernen so die Kompetenzen im digitalen Raum intuitiv, die sie in der Schule oft vermissen. Doch zugegebenermaßen: Fortnite hilft uns in der Schule zunächst nicht weiter, da es zu viele bedenkenswerte Inhalte hat. Es zeigt uns aber, welches Potenzial von komplexen und agilen Spielen ausgehen kann.

Für den Unterricht müssen die Kernmechaniken des Spiels zum Lernziel passen. Doch was sind die Kernmechaniken? Bei Fortnite sind es Laufen, Sammeln, Schießen und Bauen. Dies könnte auch ein Grund sein, warum dieses Spiel so erfolgreich ist: Es spricht die Urinstinkte des Menschen an, die durch diese Kompetenzen unser Überleben in kleinen Gruppen sicherten.

Systemdenken

Blickt man über diese Urinstinkte hinaus, erkennen wir, dass die Entwicklung der Menschheit von verschiedenen Systemen abhängt: Familiensystem, Tausch- und Handelssysteme oder eben das Wirtschaftssystem. Dies führt zu einer Komplexität, die viele Herausforderungen mit sich bringt. Damit diese bewältigt werden können, müssen Systeme verstanden werden. Um Systemdenken zu trainieren, kann es hilfreich sein, folgende Teilbereiche zu trainieren: Verbundenheit, Synthese, Emergenz, Kausalität, Feedbackschleifen oder Abbildung von Systemen. Hier liegt der große Vorteil von Wirtschaftsspielen!

Beispiele für Game-Based-Learning im Wirtschaftsunterricht

Systeme lernt man am besten kennen, wenn man in ihnen agiert. Der Wirtschaftsunterricht sollte daher handlungsorientiert angelegt sein und den Schüler:innen Wahlmöglichkeiten, Chancen zum Ausprobieren und Raum für Fehler geben. Spiele können all das bieten, immerhin sind sie ja selbst kleine Minisysteme.
Will man komplexere Wirtschaftsvorgänge durch ein Spiel nachbilden, stoßen analoge Spiele schnell an ihre Grenzen. Zum Glück wächst der Markt an digitalen Spielen, die für den Wirtschaftsunterricht genutzt werden können, immer schneller. Nach wie vor sind auch Aufbausimulationen zu verschiedenen Wirtschaftsbereichen sehr beliebt in der Gamer-Community.

a) Serious Games

Eine gute Möglichkeit für spielebasiertes Lernen bieten Serious Games. Das sind Spiele, die speziell für den Unterricht entwickelt wurden. So sind sie leicht anschlussfähig an den Lehrplan und oft gibt es bereits ausgearbeitetes Unterrichtsmaterial dazu.

Besonders die für das Systemdenken so wichtigen Faktoren, können in Spielen ihre besondere Wirkung entfalten. Isle of Economy ist ein Beispiel dafür, wie man weg vom linearen Denken zum zirkulären Denken kommt: Man spürt schnell die Auswirkungen seiner Handlungen durch Feedbackschleifen und kann damit komplexe Zusammenhänge erkennen. Entscheidend ist dabei der Zeitfaktor: In einem digitalen Spiel können viel schneller Grafiken, Statistiken und Zahlen erhoben werden. Die Spieler:innen können sich somit direkt mit der Analyse beschäftigen. Die eigenen Handlungen können angepasst werden und eine neue Feedbackschleife beginnt. Optimal, um neue Ideen auszuprobieren oder auch mal Fehler zu machen und aus diesen zu lernen.

b) Leichte Spiele für den Einstieg 

Für den Einstieg eignen sich auch klassische Experimente aus der Wirtschaftstheorie, die manch einer im Wirtschaftsunterricht vielleicht schon mal ausprobiert hat. Diese sind in der Regel schnell einzusetzen und benötigen keine lange Einarbeitungszeit. Durch die Digitalisierung der Spiele kommen dabei die bereits genannten Vorteile voll zur Geltung.

Beim Marktspiel bestimmen die Marktteilnehmer:innen durch Angebot und Nachfrage den Preis von Äpfeln. Der ausgebildete Marktpreis wirkt sich auch auf die Gewinne der Markteilnehmer:innen aus. Die Spieler:innen können mehrere Runden spielen, Grafiken schnell interpretieren und so Zusammenhänge erkennen, in diesem Fall die Annäherung an den Gleichgewichtspreis.

Das Fischerspiel ist zunächst ein Abbild freier Märkte. Die Spieler:innen sind dabei Fischer:innen, die in mehreren Runden, um die gemeinsame Ressource, den Fischbestand, konkurrieren. Jede Runde simuliert eine Fischsaison, in der die Spieler:innen ihre Fangmenge bestimmen müssen. Die Zeit schreitet schnell voran und eine drohende Überfischung wird den Fischer:innen deutlich vor Augen geführt. Die Spieler:innen können so nachvollziehen, wie aus vielen individuellen Entscheidungen eine Zerstörung der Umwelt entstehen kann (Emergenz).

Das Ultimatumspiel ist besonders interessant, da hier die Entscheidungssituation von Anfang an recht offensichtlich ist: Spieler:in 1 bekommt z. B. 100 € und muss diese zwischen sich und Spieler:in 2 aufteilen. Spieler:in 2 kann ablehnen, dann bekommen beide nichts. Es macht rational also Sinn, dass Spieler:in 2 immer annimmt, da sie oder er bei einer Annahme immer bessergestellt ist, als bei einer Ablehnung. Wie stellen sich die Entscheidungen aber in der Realität dar?

Es wird deutlich, dass rein mathematische Berechnungen keine erklärbaren Ergebnisse liefern können. Hier hilft die Spieltheorie: Sie betrachtet das Entscheidungsverhalten u. a. in sozialen Konfliktsituationen. So hängt der Erfolg des Einzelnen nicht nur vom eigenen Handeln, sondern auch von der Reaktion anderer ab. Die wechselseitigen Beziehungen der Akteur:innen beim Ultimatumspiel verdeutlichen verschiedene Beurteilungssysteme: Rein rationale, wie es das Modell des Homo oeconomicus vorsieht, und gefühlsgeleitete auf Basis des Gerechtigkeitsempfinden. Diese Problemstellung trifft praktisch auf alle Herausforderungen zu, die wir Menschen im 21. Jahrhundert bewältigen müssen. Das zeigt beispielsweise auch aktuell der Ukraine-Krieg: Ökonomisch wäre es sinnvoll weiter Gas und Öl aus Russland zu beziehen. Andererseits wird damit der Krieg unterstützt, was unserem Gerechtigkeitsempfinden widerspricht.
Insgesamt bietet das Ultimatumspiel den Schüler:innen viele Möglichkeiten zu neuen Erkenntnissen und überfachlichen Kompetenzen zu gelangen. Zeit zu spielen.

Tipp