Wie wichtig Unternehmensgründungen für den Innovationsstandort Deutschland sind, dürfte mittlerweile jedem geläufig sein. Wie aber schafft man es, junge Menschen mit den notwendigen unternehmerischen Kompetenzen wie Risikobereitschaft und Verantwortungsbewusstsein auszustatten? Und sollte es die Aufgabe von Schule sein, die Gründungsquote in Deutschland zu erhöhen? Vera Kirchner, Professorin für Ökonomische Bildung an der Universität Potsdam und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin Celine Maerz zeigen in ihrem Beitrag die Potenziale und Grenzen von Entrepreneurship Education im Wirtschaftsunterricht auf.
Elon Musk und Bill Gates werden häufig genannt, wenn man nach einer Person fragt, die erfolgreich ein Unternehmen gegründet hat. Nur selten fallen die Namen deutscher Startup-Gründer:innen. Dabei gibt es auch in Deutschland nicht nur einen starken Mittelstand und große Konzerne, sondern auch eine nicht unerhebliche Anzahl an Startups. Laut Startup-Verband wurden im Jahr 2025 insgesamt 3.658 neue Startups in Deutschland gegründet und somit ein neuer Rekord verzeichnet (Startup-Verband 2026). Erklären lässt sich dieser Aufwärtstrend durch die Entstehung neuer Märkte und Geschäftsmodelle im Zuge der Etablierung generativer KI.
Wie steht es um das Gründen in Deutschland?
Deutschland als Gründungsstandort schneidet im Global Entrepreneurship Monitor (GEM) im internationalen Vergleich weiterhin eher mittelmäßig ab. Die befragten Expert:innen schätzen hierbei sowohl geltende gesellschaftlichen Werte und Normen als auch die unzureichende schulische Gründungsbildung als Hemmnisfaktoren ein. Weit verbreitet ist in Deutschland auch eine Angst vor dem potenziellen Scheitern einer Unternehmung: Rund 49 Prozent der im GEM Befragten geben an, dass sie aufgrund der Angst vor dem Scheitern keine Gründung in Erwägung ziehen.
Startups werden häufig als Bezugspunkt in der Entrepreneurship Education (EE) genutzt, da sich anhand ihres Beispiels vermeintliche Kernkompetenzen zukünftiger Unternehmer:innen aufzeigen lassen: Marktlücken zu identifizieren, eine innovative Geschäftsidee zu entwickeln sowie Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen mitzubringen. Dadurch wird mitunter ein sehr spezifisches Bild von Unternehmertum vermittelt, das unterschlägt, dass es vielfältige Wege gibt, ein Unternehmen zu gründen.
Dabei hält sich nicht nur, aber auch im Startup-Bereich, ein hartnäckiger Gender-Gap zulasten von Frauen, die nur rund 19 Prozent der Startup-Gründer:innen ausmachen (Female Founders Monitor 2025). Ursachen hierfür werden kontrovers diskutiert, wobei Erklärungsansätze unterschiedlich stark auf sozialisationsbedingte Geschlechterunterschiede (z. B. Risikoaffinität) und ungünstige Rahmenbedingungen fokussieren (weiblich geführte Startups erhalten laut Startup Monitor nur rund 1 Prozent des gesamten Risikokapitals). Wichtig erscheint mit Blick auf Schule und Unterricht, Gender als didaktische Kategorie im Rahmen von EE-Formaten einzubeziehen, stereotype Darstellungen zu vermeiden, authentische Gegenentwürfe anzubieten und somit Vorurteile dazu, wer (nicht) Gründer:in werden kann, abzubauen.
Während Startups essenziell für Deutschland als Innovationsstandort sind, wird häufig unterschätzt, wie stark klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) die deutsche Wirtschaft prägen. Sie machen rund 99 Prozent der privaten Unternehmen in Deutschland aus (ifM 2023). Charakteristisch ist ebenfalls der hohe Anteil von Familienunternehmen. Rund 88 Prozent aller deutschen Unternehmen sind familienkontrollierte Unternehmen, in denen ca. 58 Prozent aller privatwirtschaftlich Beschäftigten in Deutschland beschäftigt sind (Stiftung Familienunternehmen 2025.
Wie sieht es mit der nächsten Generation aus?
Rund 40 Prozent der 14- bis 25-jährigen Deutschen können sich laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung prinzipiell vorstellen, ein Unternehmen zu gründen (Bertelsmann Stiftung 2024). Rund 11 Prozent geben an, eine Gründung fest geplant zu haben, wobei hier der Anteil der männlichen Befragten (ca. 62 Prozent) stark überwiegt. Stadt-Land-Unterschiede bestehen dabei bereits im Jugendalter: Großstädter:innen geben wesentlich häufiger eine Gründungsbereitschaft an als junge Menschen aus ländlichen Regionen. Analog zur Angst vor dem Scheitern in der erwachsenen Bevölkerung spielen auch hier Unsicherheit und mangelndes Zutrauen in die eigenen Kompetenzen eine Rolle: Rund ein Viertel der befragten Schüler:innen gibt an, sich aus diesen Gründen nicht für eine Gründung zu interessieren.
Häufig wird mit Blick auf die deutsche Wirtschaft argumentiert, dass eine Steigerung der Gründungsquote ökonomisch notwendig sei. Entrepreneurship Education als Teil von Allgemeinbildung nimmt jedoch in erster Linie die Kompetenzen Heranwachsender in den Blick. Sie sollte nicht als Steuerungsinstrument zur Erhöhung der Gründungsquote missverstanden werden, sondern ökonomische Kompetenzen vermitteln, die Schüler:innen Mündigkeit und Handlungsfähigkeit in einer komplexen Welt ermöglichen. Dabei geht es auch darum, Gründung als eine von vielen potenziellen beruflichen Optionen sichtbar zu machen, Chancen und Risiken eines solchen Vorhabens realistisch abzubilden und Schüler:innen dazu zu befähigen, individuell abzuwägen, ob eine Gründung für sie infrage kommt. Dazu muss eine gesellschaftliche Kultur der Selbstständigkeit geschaffen werden, in der Jugendliche befähigt werden, kontrollierte Risiken reflektiert einzugehen, Selbstwirksamkeit in Bezug auf Unternehmungen zu entwickeln und Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Aus fachdidaktischer Sicht ist es wesentlich, die hierfür notwendigen ökonomischen Kompetenzen in den Blick zu nehmen. Entrepreneurship Education wird mit Blick auf Kinder und Jugendliche aus unserer Beobachtung häufig auf eine Art pädagogisches Projektmanagement verkürzt, das der Selbstbestärkung dienen soll. Dabei stellt Empowerment eine wichtige Komponente der Entrepreneurship Education dar, jedoch sollten auch ein Verständnis von Zusammenhängen innerhalb eines Unternehmens und das notwendige betriebswirtschaftliche Wissen, um als Unternehmer:in agieren zu können sowie die gesamtgesellschaftliche Bedeutung von Unternehmen vermittelt werden.
Wie kann man Entrepreneurship Education in den Wirtschaftsunterricht integrieren?
Es gibt viele konkrete Beispiele, wie Entrepreneurship Education als Teil einer ökonomischen Allgemeinbildung in den Unterricht integriert werden kann. Trotz einer aktuell noch ausbaufähigen curricularen Integration ökonomischer Bildung in Lehrpläne lassen sich häufig viele Anknüpfungspunkte auch bei den ökonomischen Pflichtinhalten finden. Das Thema ‚Unternehmen‘ ist in nahezu allen Curricula verankert. Dabei wird es häufig jedoch auf bestehende Unternehmen und deren Verwaltung reduziert. Schüler:innen setzen sich in diesem Zusammenhang meist aus der Perspektive von Arbeitnehmer:innen mit organisatorischen Abläufen und Arbeitsbedingungen auseinander. Diese Perspektive kann und sollte durch weitere originär unternehmerische Blickwinkel erweitert werden, um Schüler:innen dafür zu sensibilisieren, dass sie selbst auch zu Entrepreneur:innen werden bzw. im Rahmen einer Angestelltentätigkeit auch als Intrapreneur:innen aktiv werden können.
Hierzu möchten wir drei verschiedene Ansatzpunkte vorschlagen, um Schüler:innen vielfältige Zugänge zur Entrepreneurship Education zu ermöglichen.
Diese Begegnungen können nicht nur im Klassenzimmer stattfinden, sondern auch mit dem Besuch außerschulischer Lernorte verbunden werden, wie z. B. Betriebsbesichtigungen, Messen oder Kooperationsveranstaltungen mit Gründungszentren. Darauf baut der dritte Ansatz auf: Außerschulische Lernorte sollten systematisch in den Regelunterricht integriert werden, um Schüler:innen Einblicke in Unternehmenswelten zu ermöglichen. Eine Integration solcher Lernorte kann Lehrkräfte auch entlasten, da sie nicht selbst zu „Expert:innen“ für Unternehmertum werden müssen. Dabei ist es auch hilfreich, sich von der Vorstellung zu lösen, Schüler:innen zu Gründer:innen machen zu wollen, und stattdessen zu reflektieren, wie Perspektiven erweitert und welche Kompetenzen durch die einzelnen Formate gefördert werden können.
Fazit
Auch wenn Unterrichtsmethoden wie die Schüler:innenfirma oder die Teilnahme an einem Gründungswettbewerb zeitaufwendig sind, entfalten sie im Hinblick auf Motivation, Selbstwirksamkeit und den Erwerb ökonomischer Kompetenzen eine besondere Wirksamkeit – eine Investition, die sich in mehrfacher Hinsicht auszahlt. Unterstützung hierfür gibt es in vielfältiger Weise, beispielsweise durch Fort- und Weiterbildungen, außerschulische Einrichtungen, Begleitung bei der Durchführung und durch entsprechende Unterrichtsmaterialien.
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