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Wie können Schulen das Wirtschaftsinteresse der Generation Z aufnehmen?

Sich etwas leisten zu können, Kaufentscheidungen abzuwägen und die rechtlichen Grundlagen zu kennen, den passenden Arbeitgeber finden: Bildungsforscher Klaus Hurrelmann betont das starke Interesse von Schülerinnen und Schülern an Wirtschaft und Finanzen – und die Bereitschaft, sich mit den Themen auch im Unterricht zu befassen. „Vor dem Hintergrund zahlreicher krisenhafter Entwicklungen und weltweiter Umbrüche erleben wir zurzeit, wie junge Menschen ihre Anliegen so deutlich zum Ausdruck bringen wie schon lange nicht mehr“, heißt es in der aktuellen Shell-Jugendstudie, die der Professor für Gesundheitswesen und Bildung der Hertie School of Governance mitverfasst hat. Wie Lehrkräfte wirtschaftliche Zusammenhänge praxisnah in den Schulalltag integrieren – und damit in neue Rollen finden, erklärt Hurrelmann im Interview mit Wirtschaftsjournalistin Miriam Binner.

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Mit welchen Herausforderungen sehen sich junge Menschen konfrontiert? Welche Ziele bestimmen ihr tägliches Handeln? Rückschlüsse auf den Stellenwert des Wirtschaftsunterrichts für die sogenannte Generation Z stützt der Experte für Bildungspolitik unter anderem auf Interviews mit 12- bis 25-Jährigen im Rahmen der repräsentativen Shell-Jugendstudie, zuletzt erschienen im Oktober. Befragt wurden mehr als 2.500 Jugendliche.

Herr Hurrelmann, mit Sparkonten, Überweisungen und Geldanlage machen sich junge Menschen seit Jahrzehnten eigenständig vertraut. Trotzdem halten Sie es heute für wichtiger denn je, praktisches Wirtschaftswissen im Schulalltag zu vermitteln. Warum?

Ganz klar unterscheidet sich die Generation Z von früheren Generationen dadurch, dass sie die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2008/09 miterlebt hat. Da sind viele Ängste entstanden, die junge Leute sehr beschäftigen. Denn sie haben gemerkt: Von Unternehmen und der Finanzwelt geht eine riesige Macht aus, die mich und meine zukünftigen Jobchancen direkt betrifft. Die drängendsten Zukunftsfragen der jungen Menschen lauten heute etwa: Warum entlassen die Unternehmen hunderte Mitarbeiter? Welche Chancen habe ich in meiner Region? Was ist mit den sicher geglaubten Jobs in der Autoindustrie? Inzwischen sollte allen klar sein, dass es fast nicht mehr möglich ist, sich ohne tiefes Wirtschaftswissen in dieser Gesellschaft zurechtzufinden.

Dennoch sind viele der angesprochenen Themen recht weit von den unmittelbaren Alltagsfragen junger Menschen entfernt. Spüren Sie unter Jugendlichen tatsächlich mehr Interesse, die Wirtschafts- und Finanzwelt zu verstehen?

Auf jeden Fall, denn Globalisierung und Digitalisierung lassen die Themen näher an den Alltag heranrücken: Die jungen Menschen heute merken direkter als noch vor 20 Jahren, wie abhängig sie von wirtschaftlichen Entscheidungen der Regierung und Marktmechanismen weltweit sind. So drücken etwa mächtige, global agierende Firmen der Konsum- und Ernährungsbranche Produkte in den Markt, deren gesundheitlicher Mehrwert zweifelhaft ist – dazu gehören die Tabak-, Alkohol- und Zuckerindustrie. Was Jugendliche verständlicherweise beschäftigt: Wie komme ich zu einer sinnvollen Kaufentscheidung? Was kann und will ich mir von meinem Geld leisten? Die Schulen als zentrale Bildungsinstitutionen sollten dieses Interesse der jungen Leute unbedingt aufnehmen.

Das klingt allerdings, als ließen sich Jugendliche am besten für Konsumthemen begeistern.

Das stimmt nur teilweise. Natürlich muss man Schülerinnen und Schüler bei ihren persönlichen Bedürfnissen abholen. Aber hoffentlich geht es da nicht nur um Konsumansprüche, sondern auch um den Wunsch, sich ein finanzielles Polster für die Zukunft aufzubauen. Tatsächlich sind junge Menschen ja täglich in Geldangelegenheiten gefragt: Alle haben ab einem gewissen Alter ein Girokonto und ein Sparbuch, werden so also mit Formen des Geldanlegens in Kontakt gebracht. Das Problem: Digital ist die Generation Z zwar sehr gut unterwegs. Wenn es aber um Finanzen geht, hört das Wissen schnell auf. Viele verstehen nicht, wie man ein Konto bedient und Buchungen vornimmt. Oder: Was Steuern sind und wie sich der Staat finanziert. Für Schülerinnen und Schüler, die das nicht von den Eltern lernen, wäre es wichtig, dass sie die Informationen von Lehrkräften bekommen. Denn viele Angehörige der Generation Z treten zwar selbstbewusst auf, sind aber in vielen Alltagssituationen entscheidungsschwach und haben kein realistisches Gefühl für ihre Stärken und – vor allem – ihre Schwächen.

An Altersvorsorge und Geldanlage trauen sich auch Erwachsene nur zögerlich heran. Wie lassen sich Berührungsängste im Unterricht senken?

Praktische Veranschaulichung ist hier gefragt. Moderner Unterricht arbeitet bereits jetzt häufig mit Rollenspielen. Zum Beispiel wird probeweise ein Aktienmarkt aufgebaut: Wie lässt sich dort anlegen? Warum bewegen sich die Kurse? Welche Mechanismen stecken dahinter? Studien zeigen, dass junge Leute auch begeistert sind, wenn es digitale Anwendungsmöglichkeiten gibt – im Fall des Aktienmarkts wäre es denkbar, auf Spiele zurückzugreifen, die sich an die bei Jugendlichen beliebten Video-Games anlehnen. Ein toller Weg des Wirtschaftsunterrichts sind für mich auch Schülerfirmen.

Was stellen Sie sich darunter vor?

Solche Unternehmen lassen sich auf verschiedenste Art gestalten: Schülerinnen und Schüler höherer Klassenstufen können Nachhilfe anbieten, Schulspeisung und Cafeteria organisieren, eine Schülerzeitung gründen, Energie- und Gebäudemanagement optimieren. Oder sie vermieten außerhalb der Unterrichtszeiten die Klassenräume, Turnhallen und Sportplätze an externe Nutzer wie Volkshochschulen oder Vereine. Schülerinnen und Schüler sind Mitbegründer und Gesellschafter eines solchen Unternehmens und erlernen so die Grundlagen des Wirtschaftens und mögliche Risiken etwa durch unseriöse Geschäftspraktiken, Betrug und Vertrauensmangel.

Das hört sich nach viel Aufwand an. Wie lässt sich die Koordinierung im Schulalltag stemmen?

Das hängt davon ab, wie gut die Schülerfirma mit dem laufenden Unterricht und den bestehenden Lehrplänen verzahnt ist. Denn sie arbeitet wie ein interdisziplinäres, mehrere Fächer umfassendes Projekt. Dadurch kommt es an keiner Stelle zu einem Ausfall von Unterrichtsstunden oder Lehrplankomponenten, sondern diese werden in einen lebendigen, themenbezogenen Arbeitszusammenhang gestellt. Voraussetzung dafür ist aber ein hoher Grad an Selbstständigkeit in der Programmgestaltung, der Personalauswahl, der administrativen Steuerung und der Finanzierung. Die Praxis zeigt, dass das bereits funktioniert: Bundesweit existiert schätzungsweise eine vierstellige Zahl an Schülerfirmen.

Welche positiven Effekte erhoffen Sie sich konkret?

Die Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler sozusagen als Mitarbeiter im Unternehmen Schule erwerben, bereiten sie auf das tägliche Leben in einer wirtschaftsintensiven und konsumbetonten Welt sowie auf das spätere Leben in der Arbeitswelt vor. Die Angehörigen der jungen Generationen verlangen geradezu danach. Sie unterminieren starre Hierarchien und möchten Aufgaben in ihrem eigenen Rhythmus abarbeiten – mit selbstgewählten Methoden und Medien.

Wie verändert sich hiermit die Rolle der Lehrkräfte?

Ähnlich den Chefs in der Arbeitswelt verändert sich die Rolle der Lehrkraft. Weil das Smartphone allen jungen Menschen den gesamten Kosmos von Wissen erschließt, sind Lehrkräfte im Zugang zu Know-how nicht mehr überlegen – bei der Anwendung des Wissens dagegen schon. Daher verwandeln sie sich vom Boss zum Moderator und Koordinator der Lernvorgänge – und sind dabei auch Ratgeber, Inspirator und Coach. Natürlich bleiben Lehrerinnen und Lehrer wichtig, weil sie einschätzen können, wo Hilfe benötigt wird.

Herr Hurrelmann, vielen Dank für das Gespräch.

Über den Interviewpartner:
Klaus Hurrelmann ist Bildungsforscher und lehrt als Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Er ist Gründungsdekan der ersten Fakultät für Gesundheitswissenschaften in Deutschland an der Universität Bielefeld. Zudem ist er Mitglied des Leitungsteams mehrerer nationaler Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Hurrelmann promovierte zum Thema Bildungssysteme und Gesellschaft.

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