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Fair, share oder prekär: Mitbestimmung in der Startup-Szene?

Viele Schülerinnen und Schüler träumen davon, nach ihrem Abitur und Studium in einem coolen Startup zu arbeiten, ob in Berlin, Hamburg oder einer anderen Großstadt. Gemeinschaftlich, getragen von einem Wir-Gefühl, frei von einengenden Hierarchien, in einem jungen Team – so soll das zukünftige Arbeiten und Leben aussehen.

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Die aktuelle Gründerszene besitzt eine große Anziehungskraft – auch für Schülerinnen und Schüler. Besonders in den Bereichen IT/Coding und digitale Medien hat sich in Berlin und anderswo eine innovative, kreative Dynamik entwickelt. Es ist eine junge und mitreißende Szene. In ihr zu arbeiten begeistert, dabei zu sein ist hip, man sitzt am Puls der Zeit.

Worüber wir sprechen – ein paar Fakten
Startups sind kürzlich gegründete Unternehmen mit einer innovativen Geschäftsidee und hohem Wachstumspotenzial (Definitionen siehe hier). Der Deutsche Startup Monitor des Bundesverbandes Deutsche Startups e.V. (BVDS) erhebt jährlich relevante Daten zur Startup-Szene. Die 2017 befragten 1.837 Unternehmen (4.245 Gründerinnen und Gründer) sind jung, sie bestehen im Durchschnitt gerade erst einmal seit 2,7 Jahren. Und sie sind zunächst klein – Startups beschäftigen durchschnittlich zirka 11 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Selbst wenn sie größer werden, prägen zunächst flache Hierarchien die Unternehmenskultur: Nur 7 Prozent der Startups geben an, vier oder mehr Hierarchie-Ebenen zu haben, 29,5 Prozent betonen, nur eine Ebene im Unternehmen zu besitzen. Der Frauenanteil wächst (der bundesweite Anteil von Frauen in Gründerteams beträgt gerade einmal 14,6 Prozent), die Gründerszene ist aber weiterhin von Männern dominiert.

Faszination Startup
Es ist faszinierend, Teil dieser dynamischen Entwicklungen zu sein. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb eines Startups arbeiten im Team an spannenden Projekten, jeder kennt jeden. Alle haben das gemeinsame Ziel vor Augen, kommuniziert wird über digitale Collaboration-Tools, die das gemeinsame Arbeiten fördern, der Einsatz von Projektmanagementmethoden ist Standard. Gruppendynamisch entsteht ein Wir-Gefühl, das alle Mitarbeitenden trägt und sie mit Energie und Selbstbewusstsein auflädt. Der Betrieb wird quasi zur Familie. Das Arbeiten ist hier mehr als nur Arbeit – es ist zentraler Bestandteil eines Lebensgefühls. Die strikte Trennung von Arbeits- und Privatleben wird aufgehoben. Bewusst werben digitale Startups für eine neue Unternehmenskultur, in der sich nicht mehr alles allein ums Geldverdienen dreht. Flexible Arbeitszeitmodelle anstatt „spießiger“ Arbeitszeiten von „nine to five“ werden ausprobiert. „Startups leben vom Anpacken, Mitmachen und Mitgestalten. Da es gerade in der Gründungsphase keine etablierten Strukturen und wenig Erfahrungswerte gibt, auf die man zurückgreifen kann, ist jeder herausgefordert, sich einzubringen und das Beste daraus zu machen. Das kann sehr anstrengend sein, gerade weil man viele Entscheidungen zum ersten Mal trifft, ist aber auch unglaublich spannend, weil jeder Schritt die Zukunft des gemeinsamen Unternehmens beeinflusst und man die Entwicklung gemeinsam gestalten kann", erläutert Marie-Lene Armingeon, die Co-Gründerin & Geschäftsführerin des Hamburger Startups SofaConcerts.

Mitbestimmung in Startups?
Wenn aber alle an einem Strang ziehen und Hierarchien entfallen, braucht es dann noch die Instrumente der klassischen Mitbestimmung, für die Gewerkschaften und Betriebsräte stehen? Die Frage nach einer klassischen Interessensvertretung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beginnt sich spätestens im Laufe der Unternehmensentwicklung zu stellen. Denn wenn die Startups wachsen, stoßen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu den Teams, die Strukturen des Arbeitens verändern sich. Aber vor allem in Krisen wird das Thema besonders virulent.

Warum ist das so? Zunächst einmal: Die Entgrenzung der Arbeit hat auch ihre Schattenseiten. Die permanente Verfügbarkeit beginnt mittelfristig an den Kräften der Mitarbeitenden zu zehren. Vor allem dann, wenn es darum geht, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, spielt das Thema verbindlich „geregelter Arbeitszeiten“ eine größere Rolle.

Ein weiterer Grund liegt im Wandel der Unternehmen selbst. Ist eine Geschäftsidee erfolgreich, wächst der Betrieb, er wird größer, mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden eingestellt. Die Arbeitsteilung wird differenzierter, neue Hierarchieebenen entstehen, aber auch das Arbeitsklima verändert sich. Fragen kommen auf: Wer verdient wieviel und warum? Wieso bekommt meine Kollegin personelle Unterstützung bei ihren Arbeiten – und ich nicht? Schnell wird der Ruf nach einheitlichen Regelungen bspw. zu Gehaltsstrukturen und Stellenbeschreibungen laut.

Noch offensichtlicher tritt der ohnehin schon bestehende Bedarf nach Gründung eines Betriebsrats auf, wenn die ursprüngliche Geschäftsidee nicht erfolgreich ist – oder wenn das Unternehmen in eine existenzbedrohende Krise kommt. Wie könnten sonst die Arbeitnehmerinteressen bei Fragen von Entlassungen, Sozialplänen etc. eingebracht und durchgesetzt werden? Dies sind auch die Erfahrungen, die Bert Stach von der Fachgruppe IT bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di seit Jahren macht: „Die Anfangsphase von Startups ist oft von einer gewissen Aufbruchstimmung geprägt. Irgendwann normalisieren sich dann aber die Arbeitsbeziehungen. Die erste Beschäftigtengeneration wird erwachsen und plötzlich stehen Themen wie zum Beispiel eine Familiengründung an. Manchmal gibt es auch Brüche in der Geschichte des Startups, wenn gegebenenfalls Kunden wegbrechen oder ein Produkt nicht mehr so läuft wie am Anfang. Dann stellen Beschäftigte oft fest, dass Interessenvertretung mit einem Betriebsrat und einer Gewerkschaft einfach besser funktioniert.“

Ausblick
Aus Startups werden erwachsene Unternehmen. Das Thema Mitbestimmung wird zunehmend zum wichtigen Element der partizipativen Unternehmenskultur. Seit einiger Zeit bemühen sich die Gewerkschaften mit speziellen Angeboten, insbesondere für die IT-Branche, in der Gründerszene Fuß zu fassen. Und Sie haben es nicht leicht, da die Betriebe – zumindest in der Startphase – oft sehr klein sind, nur selten eine Arbeitnehmervertretung besitzen und auch die Arbeitsverhältnisse von festen Arbeitsverträgen, über „feste Freelancerinnen und Freelancer“ bis hin zu Praktikantinnen und Praktikanten reichen. Um diese Zielgruppe besser erreichen zu können, bieten die Gewerkschaften mittlerweile spezielle Angebote zum Beispiel für Cloudworkerinnen und Cloudworker an. Bert Stach von ver.di erläutert: „Wir bieten zahlreiche dezentrale Angebote für Beschäftigte in Startups. Es handelt sich dabei manchmal um klassische Stammtische und oft auch um Vernetzungstreffen, bei denen besondere Themen angesprochen werden. Alles wird über das Internet angekündigt. Mediafon ist ein Angebot, das sich besonders an freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richtet, die es in der Startup-Szene auch oft gibt.“

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