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Social Entrepreneurship – ein Thema für den Unterricht?

Vera Kirchner ist Professorin für ökonomisch-technische Bildung und ihre Didaktik an der Universität Potsdam. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt in der Fachdidaktik der ökonomischen Bildung, wobei sie sich u. a. mit Entrepreneurship Education beschäftigt. Wir wollten im Gespräch von ihr wissen, was sie an diesem Thema fasziniert – und natürlich, warum man es in der Schule unterrichten soll?

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Welche Relevanz besitzt aus Ihrer Sicht unternehmerisches Denken und Handeln für den Wirtschaftsunterricht an allgemeinbildenden Schulen?
Vera Kirchner: Unternehmerisches Denken und Handeln ist meines Erachtens ein wichtiger Teil einer umfassenden ökonomischen Allgemeinbildung. Die dort angesprochenen Kompetenzen sind nicht nur für zukünftige Existenzgründer gefragt, sondern in vielen verschiedenen ökonomischen Lebenssituationen wichtig. Wenn Kinder und Jugendliche die Wirtschaftswelt mitgestalten können sollen, beispielsweise als engagierte Mitarbeitende in einem Unternehmen oder beim Management der eigenen Finanzen, dann gehört eine Auseinandersetzung mit unternehmerischem Denken und Handeln dazu.

„Entrepreneurship Education“ ist einer Ihrer Forschungsschwerpunkte. Was hat Sie dazu motiviert, hierfür Unterrichtsmaterialien zu entwickeln?
An Entrepreneurship fasziniert mich die Verbindung aus Kreativität und Innovationsfreude sowie die ökonomische Umsetzung der Ideen an Märkten. Entrepreneure sind Pioniere, die die Welt verändern und oft verbessern wollen. Als Fachdidaktikerin interessiert mich v. a. die unterrichtliche Dimension des Ganzen und die Frage, wie wir diese Themen innovativ und bildungswirksam in qualitativ hochwertigem Unterricht umsetzen können.

Auch wenn sich in den meisten Lehrplänen der Bundesländer auf den ersten Blick wenige Ansatzpunkte finden: Wo sehen Sie Möglichkeiten, das Thema in den Unterricht zu integrieren?
Es ist in der Tat so, dass man nach dem Wort Entrepreneurship Education in den Curricula meist vergebens sucht. Schaut man aber genauer in die ökonomischen Inhalte und Kompetenzen, die gelehrt und gelernt werden sollen, finden sich viele fachliche Anknüpfungspunkte. Nennen möchte ich hier u. a. die Auseinandersetzung mit Unternehmen im Allgemeinen, die Berufsorientierung oder das Betriebspraktikum.

Wodurch unterscheidet sich ein „Social Entrepreneur“ vom klassischen Unternehmer bzw. von der klassischen Unternehmerin?
Der zentrale Unterschied liegt im Unternehmensziel: Social Entrepreneure wollen mithilfe eines unternehmerischen Vorgehens gesellschaftlichen Problemen begegnen und gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Wollen sie nachhaltig wirksam sein, müssen sie aber auf Dauer auch wirtschaftlich agieren. Trotz des unterschiedlichen Ziels gibt es also viele Gemeinsamkeiten.

Welche Chancen liegen in der Beschäftigung mit dem Thema? Welche Kompetenzen werden den Schülerinnen und Schülern vermittelt?
Da wir nicht in die Zukunft schauen können, lässt es sich schwer voraussagen, welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche später vor allem benötigen werden. In der Auseinandersetzung mit unternehmerischem Denken und Handeln lässt sich ökonomisches Fachwissen erlernen, ebenso fachübergreifende Kompetenzen wie Selbstständigkeit oder Innovationsfähigkeit. Auch die Auseinandersetzung mit unternehmerischer Verantwortung halte ich in diesem Zusammenhang für wichtig und chancenreich.

Wie vermeiden Sie die Gefahr, ein Gut-Schlecht-Schema zu vermitteln: „Social Entrepreneur“ = gut; „profitorientierter Unternehmer“ = schlecht?
Das wäre in der Tat eine unzulässige Verallgemeinerung und didaktisch nicht besonders wertvoll. Zum einen geht es deshalb erst mal darum grundlegend zu vermitteln, welche Funktionen Unternehmen, aber auch Märkte und Wettbewerb in ihrem Zusammenspiel haben. Unternehmertum und Entrepreneurship schaffen im besten Fall Impulse für Wirtschaftswachstum und strukturellen Wandel in Volkswirtschaften, stellen Arbeitsplätze bereit und ermöglichen einen produktiven Wettbewerb, von dem Verbraucherinnen und Verbraucher profitieren. In der Auseinandersetzung mit Social Entrepreneurship geht es darum, dies als innovative Neukombination von ökonomischem Denken und sozialen Handeln zu begreifen – und nicht als etwas grundsätzlich anderes. Soziale Unternehmerinnen und Unternehmer besitzen eine gesellschaftliche Mission.

Vor welche methodisch-didaktischen Herausforderungen stellt das Thema daher Lehrerinnen und Lehrer? Wo liegen die Stolpersteine?
In der Schulpraxis lassen sich Berührungsängste mit dem Thema Entrepreneurship beobachten. Das ist vielleicht die größte Barriere. Zum Social Entrepreneurship finden jedoch viele Lehrerinnen und Lehrer einen Zugang, da geht es um soziale Themen, die den Lehrpersonen oft nahe sind. Deshalb kann das Thema ein guter Einstieg sein. Ein weiterer Stolperstein ist die Frage der curricularen Integration, wobei es in den meisten Lehrplänen geeignete fachliche Anknüpfungspunkte gibt, so z. B. in der Sekundarstufe II das Thema „Unternehmung“ im Themenfeld „Wirtschaftspolitik im Spannungsfeld von Markt und Staat“ in Schleswig-Holstein oder das Thema „Soziale Markwirtschaft und ihre Akteure“ im Inhaltsfeld „Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik“ in Hamburg.

Können Sie schon von Unterrichtserfahrungen berichten? Müssen Schülerinnen und Schüler besonders für dieses Thema motiviert werden?
Nach unserer Erfahrung begeistern die innovativen Ideen der Social Entrepreneure die Schülerinnen und Schüler und regen zur Auseinandersetzung mit eigenen Zielen und Visionen an. Das ökonomische Lernen passiert dann oft eher en passant.

 

Tipp

Material des Monats: Social Entrepreneurship: Unternehmerinnen und Unternehmer mit einer sozialen Mission
Autorin: Prof. Dr. Vera Kirchner
Digitales Zusatzmaterial: Film „Unternehmen wagen - 3 Wege in die Selbstständigkeit“

Hinweis: Über Rückmeldungen zu unseren kostenfreien Materialien und deren Einsatz im Unterricht freuen wir uns sehr.
 

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