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Knapp, knapper, null – Knappheit in verschiedenen Kontexten

Knappheit ist die Schlüsselkategorie der Ökonomie. Knappe Güter bestimmen unser wirtschaftliches Handeln. Der Begründer der klassischen Nationalökonomie Adam Smith (1723 bis 1790) definierte Knappheit in Abhängigkeit von der Nachfrage und nicht in Bezug auf das Angebot. Immer fehle etwas – Knappheit sei eine Grunderfahrung, konstatieren die Autoren Sendhil Mullainathan und Eldar Shafir in ihrem Werk „Knappheit – was es macht, wenn wir zu wenig haben“. Knappheit hat ihre eigene Logik, doch wie sieht diese im Detail aus? Der Frage hat sich die Gesellschaftswissenschaftlerin Dr. Sandra P. Thurner genähert.

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Die extremste Form von Knappheit ist Hunger. Das Gegenteil von Knappheit ist der Überfluss. Die Preise auf den Märkten sind Ausdruck der sogenannten Knappheitsrelation: Ist ein Gut knapp, so steigt der Preis. Globales und nachhaltiges Wirtschaften sollte in erster Linie darauf zielen, die extremen Formen von Knappheit zu mildern. In den Industrieländern, in denen die Grundbedürfnisse in der Regel gestillt werden können, hat Knappheit zudem eine prägnant soziale Dimension. Das heißt, Menschen begehren vorrangig die Güter, die als knapp bezeichnet werden.

Knapp und wertvoll – oder warum wir immer das wollen, was wir nicht haben können

Luxusgüter folgen in der Regel einer anderen Logik als Güter, die der Grundversorgung dienen und die meist dem Grundsatz „Je billiger, desto attraktiver“ folgen. Luxusgüter hebeln die Mechanismen des traditionellen Wirtschaftens aus. Hier wird das Angebot artifiziell niedrig gehalten, um mit einer sogenannten künstlichen Knappheit den Preis nach oben zu treiben. Man beruft sich auf das psychologisch fundierte Knappheitsprinzip, wonach Konsumenten häufig eine Vorliebe eben für quantitativ begrenzte Güter zeigen. Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang vom „Veblen-Effekt“, der nach dem amerikanischen Ökonom Thorstein Veblen benannt wurde. Dieser besagt: Je höher der Preis, desto begehrter das Produkt. Sein Werk trägt den Namen „Theorie der feinen Leute“ und zementiert den Statuscharakter einer solch künstlich niedrig gehaltenen Knappheit. Der Journalist Hanno Beck spricht in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen etwa vom Charme der Knappheit: „Wird ein Gut von allen begehrt und ist knapp, so ist das ein Signal für uns, dass es sich tatsächlich um ein wertvolles Gut handelt.“

Häufig geht mit dem Bedürfnis nach wertvollen Gütern der Wunsch einher, den eigenen Status materiell abzusichern. Etwa liegen beim Uhrenhersteller Rolex in der Regel schon Hunderte von Vorbestellungen für besonders begehrte Uhrenmodelle vor. Die Rarität scheint das Bedürfnis des „Haben-Wollens“ maßlos zu erhöhen – man denke hier unter anderem an die Preise, die auf Kunstauktionen geboten werden.

Auf dem Weg zu einem zukunftsfähigen Wirtschaftssystem

Innerhalb der Logik der regulären Güter – die anders als die Luxusgüter jedem zugänglich sind beziehungsweise sein sollten – unterscheidet man unter anderem zwischen folgenden Güterarten: Freie Güter stehen ohne Bezahlung überall und mit der gewünschten Qualität in hinreichendem Maße zur Befriedigung der Bedürfnisse aller Individuen zur Verfügung: wie etwa Sauerstoff, Ruhe, Wasser (wobei Letzteres längst knapp geworden ist). Knappe Güter müssen dagegen produziert und gekauft werden. So etwa Gebrauchsgüter wie Zeitungen oder Pflegeprodukte – oder Verbrauchsgüter wie z. B. Brot, Milch oder Obst. Solch freie Güter können knapp werden und umgekehrt müssen knappe Güter nicht immer knapp bleiben. Hier setzt das Nachhaltigkeitsprinzip an, das die natürlichen Ressourcen bewahren möchte. Allerdings kann dies nur dann gelingen, wenn eine Transformation hin zu ökologischen Produktions-, Arbeits- und Lebensweisen stattfindet. Hierfür muss die gesamte Gesellschaft mobilisiert werden –, um Ressourcen zu schonen, den CO2-Ausstoß zu verringern und die Grundlagen für ein nachhaltigeres, zukunftsfähiges Wirtschaften zu schaffen. Es geht darum, die Kreisläufe der Natur zu kennen, zu achten und sich mit dem Problem der Knappheit, vor allem unter dem Aspekt des Klimaschutzes und der Solidarität mit den ärmeren Gesellschaften auseinanderzusetzen. Dazu braucht es politische Weichenstellungen in Form von Anreizen, gesellschaftliche Willensanstrengungen, die Bereitschaft zum Verzicht – und Kreativität im Umgang mit alternativen Produktions- und Konsumformen.

Eine Idee mit Nebenwirkungen? Share Economy – knappe Güter teilen

Der Versuch, durch das Geschäftsmodell des Teilens von Gütern – etwa über Share Now, Airbnb, Uber und Kleiderkreisel – die Nachfrage zugunsten der Umwelt geringer zu halten, scheint sich allerdings nicht durchzusetzen. Der US-amerikanische Zukunftsvisionär Jeremy Rifkin geht zwar davon aus, dass wir uns mitten in einer Hybridwirtschaft aus Besitzen und Teilen befinden –, es gehe aber nicht um die Verdrängung des Kapitalismus, sondern um ein Nebeneinander von Kokonsum und Kapitalismus. Wir stünden auf der Schwelle zu einer dritten industriellen Revolution.

Wie geht dieses Janusgesicht des Konsums mit der Knappheit an Gütern um? Das Teilen scheint (bisher) keinen prägnanten Einfluss auf die Menge an nachgefragten Gütern zu haben. Es sei sogar so, dass die Konsumenten dann an anderer Stelle Geld ausgeben, eben das Geld, das sie etwa beim Teilen gespart haben, so Maike Gossen vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Außerdem seien viele Konsumenten nach wie vor nicht zu teilen bereit – und der Nachhaltigkeitseffekt des Teilens sei wesentlich geringer als anfänglich angenommen. Billigkonkurrenten wie Uber, Airbnb sind Geschäftsmodelle, die bewährte Regelwerke (Hygiene, Arbeitsrechte etc.) häufig aushebeln und sich in qualitativer, arbeitsrechtlicher und sozialer Hinsicht rückschrittlich zeigen.

Eigentlich versprach die Share Economy, als der Trend vor etwa fünf Jahren startete, mehr Nachhaltigkeit und bewussteren Konsum. Die ursprüngliche Idee hat sich allerdings nur dort durchgesetzt, wo das (schnelle) Geldverdienen, häufig auch mit dem Makel mangelnder Arbeits- und Versicherungsrechte, im Vordergrund stand. Diese Nebenwirkungen der ursprünglich sozialförderlich gedachten Idee des Kokonsums haben sich bisher als zu prägnant negativ erwiesen. Der Philosoph Byung-Chul Han spricht sogar vom Nebeneffekt der Totalkapitalisierung der Gemeinschaft, etwa in Form einer „Ökonomisierung der Gastfreundschaft“ bei Airbnb. Die Share Economy hat sich (bisher leider) nicht als die emanzipatorische Bewegung gezeigt, in die man anfangs so viel Hoffnungen gesetzt hatte.

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