Vom Schmuddel- zum Vorzeigekind – die deutsche Rüstungsindustrie erlebt nicht nur einen wirtschaftlichen Boom, auch ihr öffentliches Image scheint sich zu wandeln. Die grundsätzliche gesellschaftliche Kontroverse aber bleibt und die Frage danach, wie man sich dem Spannungsverhältnis zwischen ökonomischen Nutzen und sicherheitspolitischer Legitimation einerseits und ethischen Bedenken sowie globaler Verantwortung andererseits im Wirtschaftsunterricht nähert. Janosch Schierke, Lehrkraft am Herbartgymnasium Oldenburg, nimmt mögliche fachdidaktische Hürden in den Blick und erläutert, wie man diesen begegnen kann.
Was bedeutet es, wirtschaftlich „richtig“ zu entscheiden, wenn jede Option moralisch angreifbar ist? Diese Frage betrifft nicht nur Politik und Unternehmen, sondern zunehmend auch den Wirtschaftsunterricht. Die Rüstungsindustrie wirkt dabei wie ein Brennglas: Sie steht für Wachstum, Beschäftigung und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit – und zugleich für die ökonomische Verflechtung von Krieg, Gewalt und Profit. Ihre Ambivalenz lässt sich im Unterricht nicht auflösen, sondern nur sichtbar und reflektierbar machen.
Zwischen ethischer Reflexion und Rüstungsdynamik
Für Wirtschaftslehrkräfte entsteht daraus ein besonderes Spannungsfeld. Sie müssen zwischen normativer Zurückhaltung und ethischer Verantwortung, zwischen ökonomischer Analyse und moralischer Urteilsbildung navigieren. Ohne geeignete didaktische Zugänge drohen Diskussionen zu moralisieren oder beliebig zu wirken, und das Thema kann schnell überfordern oder ein Gefühl von Ohnmacht erzeugen. Gleichzeitig ist das Thema keineswegs abstrakt: Das Sondervermögen für die Bundeswehr kreditfinanziert Rüstungsausgaben, deren Kosten letztlich alle Steuerzahler:innen tragen und die zulasten anderer Bereiche, wie z. B. Bildung, gehen.
Beispiel Rüstungsindustrie
Ein konkretes Beispiel für die Kontroverse bietet das Beispiel „Alstom“ am Standort Görlitz. Mit dem Übergang von ziviler Industrieproduktion (hier: Waggonbau und Schienenfahrzeuge) auf Rüstungsfertigung unter dem neuen Eigentümer KNDS verdichten sich zentrale Fragen der Gegenwart. Der Wunsch nach Sicherheit, Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit angesichts geopolitischer Bedrohungen trifft auf die Sorge, dass Aufrüstung Konflikte verschärft, friedenspolitische Bemühungen untergräbt und wirtschaftliche Profite aus Gewalt entstehen lässt. Das Sondervermögen verstärkt dieses Dilemma zusätzlich, indem es kurzfristige Sicherheit kreditfinanziert und die Kosten langfristig auf die Gesellschaft verschiebt – alle Bürger:innen werden so unmittelbar Mittragende dieser sicherheitspolitischen und moralischen Entscheidung. Ökonomische Entscheidungen sind daher immer auch ethische Entscheidungen. Sie bergen Zielkonflikte, etwa zwischen Gewinnmaximierung und gesellschaftlicher Verantwortung, zwischen individuellen Interessen und sozialen Folgen. Die Frage, die sich für den Wirtschaftsunterricht stellt, lautet daher: Wie können Schüler:innen lernen, ökonomisch und ethisch fundierte Entscheidungen zu treffen, die die moralischen Dilemmata der heutigen Zeit berücksichtigen?
Herausforderungen im Wirtschaftsunterricht
Die Reflexion über wirtschaftsethische Fragestellungen im Unterricht ist von zentraler Bedeutung, stellt Lehrkräfte jedoch vor einige Herausforderungen. Es geht nicht nur darum, Faktenwissen zu vermitteln, sondern vor allem um die Entwicklung von Urteilsfähigkeit in komplexen ethischen Entscheidungssituationen. Häufig treten dabei drei Hauptprobleme auf:
Ein Leitfaden für die Lehrkraft
Die Lehrkraft spielt eine zentrale Rolle bei der Überwindung dieser Hürden. Dabei ist ein feinfühliger, differenzierter Ansatz erforderlich, um den Schüler:innen zu helfen, eine reflektierte Haltung zu entwickeln und die Komplexität wirtschaftlicher Entscheidungen zu begreifen.
Der Abwägungsprozess – vom Dilemma zur Entscheidung
Ein praktisches Werkzeug, das die ethische Entscheidungsfindung erleichtert, ist die dreistufige Abwägung:
Dieser Abwägungsprozess veranschaulicht das „Schmutzige-Hände-Dilemma“, das besagt: Auch das Unterlassen von Handlungen hat Konsequenzen, die soziale, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Dimensionen betreffen. Zielkonflikte dieser Art sind systemimmanent und nicht auflösbar; die Verantwortung liegt daher darin, Argumente, Risiken und Folgen sorgfältig zu analysieren und gegeneinander abzuwägen. Gerade diese Dilemmasituation bietet im Wirtschaftsunterricht einen hohen didaktischen Mehrwert: Sie zwingt Lernende, komplexe und widersprüchliche Zielsetzungen zu erkennen, deren Auswirkungen zu reflektieren und sich von einfachen Lösungen zu trennen.
Fazit: Den moralischen Kompass finden
Die Aufgabe der Lehrkraft besteht somit darin, Schüler:innen nicht nur mit Fachwissen auszustatten, sondern sie auf die ethische Komplexität wirtschaftlicher Entscheidungen vorzubereiten. Ein moralischer Kompass ist nie fix, sondern muss in jeder Krise neu kalibriert werden. Indem Lernende lernen, moralische Dilemmata zu erkennen, abzuwägen und eine fundierte Position zu entwickeln, erwerben sie nicht nur ökonomische Kompetenzen, sondern auch eine größere gesellschaftliche Resilienz und Partizipation.
Das Beispiel Alstom in unserem Material des Monats für die Sek II zeigt, wie komplex wirtschaftliche Entscheidungen sein können. Doch das eigentliche Ziel des Unterrichts ist es, den Schüler:innen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie sich in einer unsicheren Welt orientieren können. Die ökonomische Bildung trägt so zu einer fundierten Urteilsfähigkeit und Mündigkeit bei, die es den Lernenden ermöglicht, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in gesellschaftlichen und politischen Kontexten verantwortungsvoll zu handeln.
Material des Monats: Panzer statt Personenwagen? Moralisches Dilemma der Zeitenwende
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